Dokumentarfilme International

USA 2020 • 98’ • OmdtUT • Regie: Bill Ross & Turner Ross

Im Schatten der grellen Lichter von Las Vegas ist die letzte Runde gekommen für eine heißgeliebte Spelunke, das „Roaring 20s“, Heimat und Familienersatz für eine buntgemischte Truppe von Stammgästen, die hier Ablenkung von ihrem rauen Alltag finden. Das ist die Grundidee von „Bloody Nose, Empty Pockets“, einem Film, in dem die Realität so unwirklich ist wie die Welt, der die Stammgäste entfliehen. Er ist ein Mosaik aus sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten und erzählt von den letzten Stunden einer Kneipe, in der wir Menschen begegnen, die sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, während sie einer ungewissen Zukunft entgegensehen und die laut singen, während ihr Schiff untergeht. Das Filmemacherduo Bill und Turner Ross zeichnet das Porträt einer winzigen Welt vor dem Untergang, die aber ihren Bewohnern immer noch Wärme und Trost spendet. Durch die unaufdringliche dokumentarische Nähe entsteht der Eindruck, als säße man mit den Stammgästen gemeinsam am Tresen, nähme an philosophischen Ausschweifungen teil, lausche tränenreichen Liebesbekundungen und erführe selbst die fürsorgliche, familiäre Nähe dieses Ortes. Panorama Berlinale 2020

KÖLN
Filmpalette Di. 1.2. – 18.00 h

BRÜHL
ZOOM Kino Do. 3.2. – 20.15 h

DÜSSELDORF
Metropol Sa. 5.2. – 14.00 h und So. 6.2. – 14.00 h

DORTMUND
sweetSixteen Sa. 5.2. – 17.00 h

 

 


DIÁRIOS DE OTSOGA – THE TSUGUA DIARIES

POR/F 2021 • 102’ • OmenglUT • Regie: Maureen Fazendeiro & Miguel Gomes

Die drei Mittzwanziger Crista, Carloto and João sitzen während der Pandemie in Selbst-Isolation und versuchen, die aufkommende Langeweile mit einem Projekt zu bewältigen: Sie wollen ein Schmetterlingshaus bauen. Nebenbei knistert die jugendlich-erotische Spannung zwischen den Dreien. Während sich der Film langsam rückwärts bewegt, verändert sich auch das anfängliche Projekt der beiden Regisseure. Maureen Fazendeiro und Miguel Gomes stellen in ihrem tagebuchartig aufgebauten Doku-Fiction-Film nicht nur die Frage, was die Pandemie aus der Liebe gemacht hat; sie untersuchen selbstreflexiv und verspielt den Zustand des Filmemachens in Corona-Zeiten. Gelungen ist dem Filmemacher-Paar ein Film über das Leben, der selbst voller Leben steckt. Sie finden in den größten Nichtigkeiten philosophische Zugänge zur Welt, seien es Obst, Skateboards, Hunde oder verbale Auseinandersetzungen über den Sinn und Zweck von E-Mails. Irgendwann kollabieren die narrativen Strukturen des Films selbst. Spätestens dann erweist sich „The Tsugua Diaries“ als das erste zärtlich-poetische Meisterwerk, das die Pandemie-Ära hervorgebracht hat. Text von „Around the World in 14 Films 2021“

KÖLN
Filmhaus
Sa. 29.1. – 18.00 h

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FOR A FISTFUL OF FRIES

F/BE 2021 • 100’ • OmenglUT • Regie: Jean Libon & Yves Hinant

In Belgien und Frankreich ist die Doku-Serie „Strip-Tease“ echter Kult. Die Macher der Fernsehproduktion haben nun gut zwanzig Jahre altes Material zu einem in dreckigem Schwarz-Weiß gehaltenen Krimidokumentarfilm verarbeitet. Die Brüsseler Kripo ermittelt in einem Mordfall: Eine Gelegenheitsprostituierte wurde in ihrer Wohnung umgebracht. Durch den Fund von ein paar Pommes gelingt es, dem Täter auf die Spur zu kommen. Nun steht ihr Ex-Freund Alain im Zentrum der Ermittlungen, und wir sehen Inspektor Lemoine und seinen Kollegen bei der Arbeit zu: am Tatort, beim Vernehmen von Zeugen und eben auch im Kreuzverhör mit dem Hauptverdächtigen. Jean Libons und Yves Hinants schräge Mischung aus düsterem Krimi und absurder Realkomik mangelt es trotz der Ernsthaftigkeit der Vorgänge nicht an (schwarzem) Humor. Gedreht im schlichten Cinéma-vérité-Stil, beschönigt der Film nichts von dem, was er zeigt. Gestalterisches und konzeptionelles Vorbild ist natürlich die 1985 von Libon mitentwickelte Serie „Strip-Tease“, die weithin bekannt war für ihre unkonventionelle und unverblümte Art, auch heikle Themen durchaus politisch unkorrekt anzugehen. „For a Fistful of Fries“ setzt dies fort und führt ganz dicht heran an das oftmals unglaublich profane Geschehen. Lina Dinkla

 

 

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HIGHFALUTIN

AT/D 2021 • 96’ • OmdtUT • Regie: Hans Broich

An einem der Kneipentische des Berliner Diener haben sich Weggefährtinnen und Weggefährten des Schauspielers Volker Spengler versammelt. Über die Dauer des Films sprechen sie über Spengler; anekdotisch, erinnernd, über erste Begegnungen und peinliche Momente, Bewunderung und Irritation. Aber „Highfalutin“ ist nicht nur ein Film über Volker Spengler, der mit Rainer Werner Fassbinder, Christoph Schlingensief und René Pollesch gearbeitet hat. Volker Spengler, der zum Zeitpunkt des Drehs noch lebt und in einigen Szenen auch mit am Tisch sitzt, ist das Zentrum des Films. Hans Broichs gemeinsam mit Felix Leitner realisiertem Film gelingt das Zusammenspiel eines andächtigen Gequassels, aus dem nicht nur die Komplexität des Menschen Spengler erwächst, sondern das auch leichtfüßig von der Kunst zu leben kündet. „Alles dreht sich um ihn, wegen ihm finden die Leute zueinander. Und doch zeigen sich vor der Kamera vor allem die Sprecher*innen selbst: In der Intonation und Mimik, in der bemühten, referierenden Pose oder der affektiven, ungefilterten Eingabe, in der Überbetonung des Ich oder seiner bescheideneren Rücknahme ist der Film eher eine Studie über die Formen des Überdauerns, des Weiterlebens von Stars, Mythen, Persönlichkeiten in den Erzählungen. Diagonale 2021


KÖLN
Filmhaus
So. 30.1. – 16.30 h
Gast: Hans Broich

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D/MEX 2021 • 93’ • OmenglUT • Regie: Jakob Krese & Danilo do Carmo

2018 machten sich Tausende Menschen aus Lateinamerika auf den Weg. Gemeinsam flohen sie vor Perspektivlosigkeit, Armut und Gewalt Richtung USA. Auch die alleinerziehende Mutter Lilian aus Guatemala wagte es, ihren gewalttätigen Ehemann zu verlassen. Die Karawane war ihre einzige Chance, den Kraftakt zu schaffen. Dennoch: 4.000 Kilometer mit vier kleinen Kindern zu Fuß, per Anhalter und auf „La Bestia“, dem Güterzug gen Norden, bleiben lebensgefährlich. Der Film setzt der Medienberichterstattung einen sensiblen Blick entgegen, der sich bewusst auf eine Familie konzentriert. Er registriert Härten, aber auch große Hilfsbereitschaft, Lilians Durchhaltevermögen und ihre Fähigkeit, die Strapazen für ihre Kinder – zumindest manchmal – wie eine Abenteuerreise wirken zu lassen. Doch trotz aller Leichtigkeit bleibt die Anstrengung genauso präsent wie die Tatsache, dass die USA zeitgleich eine Mauer errichten, die jeden Grenzübertritt verhindern soll. Als Lilian und ihre Kinder nach Wochen der Angst an der Grenze ankommen, bricht sie zusammen. Plötzlich stellt sich die Frage, ob ihr Ziel wirklich dieses reiche Land ist. Ganz offensichtlich kam Lilian auf dem beschwerlichen Weg etwas abhanden: Die Angst ist einem neuen Selbstbewusstsein gewichen. Luc-Carolin Ziemann, DOK Leipzig

KÖLN
Filmhaus
Mo. 31.1. – 20.00 h


DÜSSELDORF
Metropol
Sa. 29.1. – 14.00 h
So. 30.1. – 14.00 h


BOCHUM
Endstation
Mi. 2.2. – 20.00 h


ESSEN
Filmstudio Glückauf
Sa. 5.2. – 15.00 h


Gäste:
Jacob Krese
und Produzentin
Annika Mayer am
30.1./31.1./ 2.2.

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Köln: Filmpalette
Mo. 5.7., 19 h

IL/USA 2019 • 71‘ • engl.OV • Regie: Ra’anan Alexandrowicz

Eine laborähnliche Versuchsanordnung zum Erleben von Bildern und die Frage, was wir als Wahrheit begreifen: Wie konstruieren wir Wahrheit, damit sie zu unseren Überzeugungen passt? Im Internet veröffentlichte Videos der Menschenrechtsorganisation B’Tselem, die die Präsenz des israelischen Militärs in der Westbank dokumentieren, werden Studierenden einer US-amerikanischen Universität gezeigt. Unter ihnen Maia Levy, deren Reaktionen auf Film festgehalten werden. Sechs Monate später wurde Levy zu einem zweiten Screening eingeladen – und schaut sich nun selbst dabei zu, wie sie sich Filmmaterial, das ihren politischen Überzeugungen zuwiderläuft, ansieht. Berlinale 2020

KÖLN
Filmpalette
Fr. 4.2. – 18.00 h

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D 2021 • 98’ • OmdtUT • Regie: Hauke Wendler

Der Monobloc ist das meistverkaufte Möbelstück aller Zeiten. Weltweit soll es eine Milliarde Exemplare des stapelbaren, in Deutschland oft weißen Plastikstuhls geben. Für viele ist er der Sündenfall eines Möbelstücks und dennoch hat er Designgeschichte geschrieben. Er ist der weltweit meistverkaufte Einrichtungsgegenstand, leicht, stapelbar und billig. Auf den Spuren des Monobloc ist das Team um Regisseur Hauke Wendler um die halbe Welt gereist – von Europa über Nordamerika und die Slums in Brasilien bis in die Megastädte Indiens und die Savanne Ugandas. Wendler hat erstaunliche Geschichten entdeckt und bemerkenswerte Menschen getroffen. Was auf der Strecke geblieben ist, ist ein eurozentrisches Denken zugunsten eines Blicks, der durch eine überraschend vielfältig eingesetzte Sitzgelegenheit die Welt mit anderen Augen sieht. Ein spannend und unterhaltsam umgesetzter Beitrag zum Thema Globalisierung, nicht zuletzt dank der wunderbaren Musik von Taco van Hettinga.

KÖLN
Filmhaus
Sa. 29.1. – 20.00 h
Gast: Hauke Wendler


BOCHUM
Endstation
Fr. 28.1. – 19.00 h


ESSEN
Filmstudio Glückauf
Mo. 31.1. – 17.30 h
Di. 1.2. – 17.30 h


DORTMUND
sweetSixteen
Di. 1.2. – 17.00 h


DUISBURG
filmforum
Di. 1.2. – 18.00 h


BRÜHL
ZOOM Kino
Mi. 2.2. – 18.00 h

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J 2021 • 89’ • Regie: Toshiaki Toyoda

Das Porträt des Filmemachers Toshiaki Toyoda über die Zusammenarbeit zwischen dem aufstrebenden zeitgenössischen japanischen Musiker und Komponisten Koshiro Hino und dem von der japanischen Insel Sado stammenden Taiko Performing Arts Ensemble Kodo ist ein ganz neues einzigartiges audiovisuelles Erlebnis. Ein Film, der ohne Dialoge auskommt, sich ganz auf den Klang, die Töne, die Musik und die mitreißende Performance des Ensembles konzentriert. Die Aufnahmen des Films entstanden im Proberaum von Kodo und in der beeindruckenden Natur der Insel Sado. TAIKO oder DAIKO, übersetzt: „dicke Trommel“, ist die japanische Bezeichnung für eine Gruppe von großen Röhrentrommeln, die mit Schlägeln geschlagen werden. Im Westen bezeichnet man damit auch die Spielweise des entsprechenden Trommel-Ensembles.

KÖLN
Filmhaus
So. 6.2. – 19.00 h

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F/FIN/ISR/D 2021 • 110’ • OmenglUT • Regie: Avi Mograbi

Ernsthaft in die Tat umsetzen wird hoffentlich keiner, was Avi Mograbi uns da aus dem Wohnzimmersessel anbietet: eine Kurzanleitung zur militärischen Besatzung. Seine strategischen Betrachtungen haben den unschuldigen Anstrich allgemeiner Überlegungen, wie man ein fremdes Territorium gegen alle Widerstände erfolgreich besetzt. Als Musterbeispiel dient ihm die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete in der Westbank und im Gaza-Streifen. Aussagen von israelischen Soldaten über ihren Dienst dort, die für die Organisation Breaking the Silence entstanden, veranschaulichen den jahrzehntelangen Alltag und die historischen Etappen der Besatzung. In ihrer Nüchternheit sind diese Beschreibungen von alltäglicher Willkür und Grausamkeit erschütternd und schwer erträglich. Zeitzeugenberichte und Verwendung von Archivmaterial sind nur zwei der dokumentarischen Grundtechniken, denen Mograbi mit seiner Kurzanleitung einen reflexiven Rahmen und analytische Schärfe verleiht. Dabei konzentriert er sich, ohne Relativierungen, auf die Seite der Täter. Scharfzüngig und ironisch wie oft, angesichts der anscheinend nicht aufhaltbaren Eskalation, aber auch ratlos und voller Trauer.

KÖLN
Filmpalette
Mi. 2.2. – 19.00 h


DORTMUND
sweetSixteen
Do. 3.2. – 17.00 h

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SILENCE BREAKERS

ISR/F/D 2021 • 88’ • OmdtUT • Regie: Silvina Landsmann

Die NGO „Breaking the Silence” – kurz BtS – besteht aus ehemaligen israelischen Soldat*innen, die durch das Sammeln persönlicher Erinnerungsberichte auf den militärischen Alltag und den Umgang mit der Bevölkerung in den besetzten Gebieten aufmerksam machen wollen. Was macht einen guten Soldaten aus? Die Fähigkeit, ohne Skrupel Befehle auszuführen, oder die Berücksichtigung von höheren moralischen Zielen im Umgang mit dem Feind? Letzteres war vielen Mitgliedern von BtS erst nach ihrer aktiven Militärzeit möglich. In ihrer Arbeit setzen sie sich mit Einsätzen und Handlungen auseinander, die ihnen heute falsch vorkommen, und wenden sich mittels Videos, Vorträgen und Stadtführungen an die israelische Bevölkerung und an ausländische Medien. Dabei kommt es auch immer wieder zum Zusammenstoß mit israelischen Siedlern, dem Militär und der Politik. Silvina Landsmann ermöglicht mit ihrem Film einen Blick hinter die Kulissen einer umstrittenen Gruppierung mit einem kontrovers diskutierten Ansatz inmitten eines über 70 Jahre schwelenden Konflikts. Mit nüchternen Bildern beobachtet sie, wie die Gruppe äußerlich und innerlich um ihre Stimme kämpft.

KÖLN
Filmhaus
So. 30.1. – 19.00 h
Gäste:
Silvina Landsmann und die ehemalige Breaking the Silence-Aktivistin Dana Golan


DORTMUND
sweetSixteen
Mo. 31.1. – 19.00 h
Gast:
Silvina Landsmann


BOCHUM
Endstation
Di. 1.2. – 20.00 h
Gast:
Silvina Landsmann


MÜLHEIM
Rio Filmpalast
Mi. 2.2. – 20.00 h
Gast:
Silvina Landsmann

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Doppelprogramm

AIN’T LIVING IN AMERICA

D/B 2020 • 15’ • Regie: Manuel Liebscher


Simone Müllers historisch korrekter Cheyenne-Federschmuck wippt beim ekstatischen Tanzen im Licht der über dem Rheinland untergehenden Sonne während Kevin „Johnson“ Derwahl seinen getarnten Willys Jeep entlang des Frontverlaufs der Ardennenoffensive ausfährt und Yara Deeb ihren Cowboy-Hut zurechtrückt, bevor sie auf dem familieneigenen Trail- Platz mit ihrer Appaloosa-Stute trainiert. Drei grundverschiedene Menschen mit grundverschiedenen Passionen verbindet eines: Der uralte Sehnsuchtsort Amerika. Was macht, aller Kontroverse zum Trotz, den ungebrochenen Reiz dieses Landes auf unsere Gesellschaft aus?

KÖLN
Filmhaus
Sa. 5.2. – 18.00 h

PICNIC AT HANGING ROCK
D 2021 • 45’ • Regie: Naama Heiman

Mai 2020. Ich nehme die Kamera meines Mitbewohners, um einen Film über ihn zu drehen. Es soll ein großartiger Dokumentarfilm werden. Das einzige Problem: Ich habe Gefühle für ihn, die er nicht erwidert. Corona macht alles nur noch schlimmer. Es kommt zum landesweiten Lockdown, wir sind im Haus eingesperrt und er will nicht gefilmt werden. Eine Reise des Entliebens beginnt — zwischen Gegenwart und Erinnerungen, zwischen Köln und Tel Aviv. Wie weit ich auch gehe und so sehr ich es auch versuche, ich kann nicht aufhören, an ihn zu denken. Duisburger Filmwoche 2021

Gast:
Naama Heiman